[Rezension] Dolores Redondo – Alles, was ich dir geben will

Der Verlust des Partners, was für jeden eine der schlimmsten Vorstellungen ist, wird für den Schriftsteller Manuel Ortigosa zur Realität. Sein Mann ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, doch dieser schien nicht wie vermutet auf Geschäftsreise gewesen zu sein. Sofort macht sich Manuel auf den Weg nach Galicien, wo Alvaro nicht nur geheimerweise das Wochenende verbracht, sondern auch ein zweites Leben geführt zu haben schien.
Doppelleben, Familiengeheimnisse und verschleierte Morde – wie viel kann man in der Trauer verarbeiten, wie viel kann ein Mensch sich auflasten? Während Manuel immer mehr in die Vergangenheit seines Partners und dessen Familie eintaucht, kommt er immer mehr Geheimnissen auf die Spur und führt eigene Ermittlungen mit einem betagten Polizisten, der nicht so recht an einen Unfall glauben mag.

Und schon ist man mitten drin in Alles was ich dir geben will. Ohne Erwartungen gestartet und nachdem die erste – doch etwas in die Längen geratene – Einleitung überstanden ist, nimmt der Roman wirklich Fahrt auf. Plötzlich ist man mitten drin in Familiendramen, Italiens Geschichte und einem Kriminalfall, der eigentlich doch ein Unfall gewesen sein sollte.
Doch nicht nur die Geschichte macht den Roman auch, sondern auch Dolores Schreibstil. Sprachlich präsentiert sich Alles was ich geben will auf einem hohen Niveau und macht aus einem gutem Buch, ein Besonderes. Die Charaktere sind wohl durchdacht und je Seite wird Manuel aber auch der schon tote Alvaro greifbarer und sympathischer.

Jedoch hat das Buch stellenweise seine Längen. Insbesondere – wie schon erwähnt – hat der Beginn eine Längen und kann als erster Stolperstein eine Hürde darstellen. Danach wird es zwar spannender als auch packender, jedoch verliert sich Dolores zwischendurch immer wieder in längeren Beschreibungen, die weder die Geschichte voran bringen noch fesselnd sind. Trotz allem weiß Alles was ich dir geben will zu überzeugen und zeichnet sich sowohl durch die Charakterwahl als auch das Storysetting deutlich aus.

Wer also Lust auf einen dicken spannenden und fesselnden Schmöcker hat, der wird mit Alles was ich dir geben will keinen Fehler machen.

[Rezension] Maja Lunde – Die Letzten Ihrer Art

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Maja Lunde. Ein Name, der allen mittlerweile bekannt sein dürfte. Von ihr stammen die Bücher Die Geschichte der Bienen und Die Geschichte des Wassers und nun liegt hier Die Letzten Ihrer Art, ihr neuster Roman. Titel und Layout unterscheiden sich erstmalig von dem gewohnten Stil der ersten beiden Romane, aber inhaltlich orientiert sich Lunde ganz wie gewohnt an Altbewährtem.

Die norwegische Autorin erzählt vom Ende der Welt. Wir befinden uns im Jahr 2064 und die Klimakrise ist so akut wie noch nie. Ein Leben wie wir es kennen, das gibt es nicht mehr. Die Menschen sind verdurstet, Staaten sind aufgehoben und die Protagonisten – drei Frauen und ein männliches Baby – geben ihren Hof auf, um Nomaden zu werden. Alles für die Suche nach Essen und Trinken, nach Verwertbaren und Nährstoffen. Der Klimawandel hat zugeschlagen und zwar im riesigen Ausmaße.

…und irgendwie ist Lundes Roman ein bisschen wie ein heimliches Beobachten, ein stilles Vorpieken in die Zukunft, die uns blühen kann, wenn wir alles rund um den Klimawandel weiterhin ignorieren. Doch andererseits ist es eben auch überdramatisiert, eben das womit Lunde gerne spielt. Wir gehen zurück zum Ausgangspunkt – alles steht auf null. Die Menschheit hat versagt und die Natur beginnt von vorn. Keine Elektrizität, wenig Nahrung – der Resetknopf wurde gedrückt.

Und irgendwie ist genauso der dritte Roman: Eine Mischung aus angeregtem, interessiertem Voyeurismus und einer leichten Überdramatisierung, die das Lesen an einigen Stellen stagnieren lässt. Vielleicht ist es aber auch das übergreifende Thema: Wildpferde. Ich war nie das Pferdemädchen und konnte vielleicht deswegen nur schwerlich in den Roman einsteigen. Aber, was mich noch so an Der Geschichte der Bienen und des Wassers begeistert hat, fühlte sich im dritten Roman fast beschwerlich an. Fand ich in den ersten Büchern noch die ausführlichen Erzählungen spannend und gerechtfertigt, fühlten sich viele Stellen in Die Letzten Ihrer Art zu zäh und zu viel an.

Lunde kann immer noch gut schreiben und auch die Geschichte, mit den Erzählsträngen in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, war gut durchdacht, doch vielleicht waren einfach die Erwartungen stellenweise zu hoch. Immer noch ein gutes Buch, das mich leider doch am Ende nicht so bekommen hat, wie ich es aus den Werken davor noch kannte.

 

[Rezension] Walter Moers – Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär

Wer kennt ihn nicht? Die Frage gilt sehr wohl für Käpt’n Blaubär, aber auch ebenso für dessen Schöpfer Walter Moers. Letzterer hat uns schon die ein oder andere schöne Stunde in Zamonien erschaffen, ersterer hat uns durch unsere Kindheit begleitet.

…und nun liegt vor mir die neuste Edition des allseits beliebten Buches Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär. Die Geschichte habe ich zum Ersten mal vor sicherlich 15 Jahre gelesen und mich unsterblich in Moers Schreibstil, aber auch in den bekannten, alten Buntbären verliebt. Seither habe ich das Buch unzählige Male gelesen, so dass meine alte Version auch nach den Malen aussieht, die ich es schon in den Hände oder verliehen hatte. Umso mehr habe ich mich über die neuste Version des Buches gefreut, denn eins meiner Lieblingsbücher hat einen neuen Anstrich: Wunderschönes Cover, wunderschöne illustrierte Seiten, das macht schon was her im Regal und wird dem Buch und seinem Inhalt wunderbar gerecht.

Und die Geschichte? Die ist noch genauso schön wie beim ersten Mal lesen. Für die, die Walter Moers und diese Geschichte noch nicht kennen: Es geht um Käpt’n Blaubär, um eben jenen, den manche aus der Sendung der Maus kennen, der aber doch so ganz anders ist, als ihn so mancher in Erinnerung haben wird. In Walter Moers Geschichte, die übrigens die erste war, die in Zamonien gespielt hat, geht es um das Leben des Käpt’ns, das eigentlich 27 Leben umfasst. Jedoch mag der Blaubär nur von 13 1/2 erzählen und so hat das Buch eben genauso viele Kapitel. Dabei hören wir Geschichten von Zwergpiraten, dem großen Dimensionsloch und der Tornadostadt. Die Geschichten sind gespikt mit triefendem Sarkasmus, wahnsinnig viel Witz und der richtigen Portion an Liebe.

Das Buch ist schnell gelesen, auch von Menschen wie mich die normalerweise nicht in der „Fantasy-Welt“ zuhause sind. Der alte Blaubär wächst einem schnell ans Herz und Zamonien wird ein Ort auf den man sich immer wieder freut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[Rezension] Stephen Chbosky – Der unsichtbare Freund

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Nach Vielleicht lieber morgen, DEM Roman meiner Jugend, steht endlich wieder ein Chbosky in den Buchhandlungen und nichts wirklich nichts hätte mich davon abhalten können diesen sofort zu lesen.

Doch diesmal geht es nicht um Teenagerprobleme, sondern um die einer ganz anderen Art. In Der unsichtbare Freund geht um Christopher, unterdurchschnittlich begabt und ein Außenseiter, was an den vielen Umzügen liegen könnte. Erst das kleine Dorf Mill Grov regt zum Bleiben an und der 7-Jährige Christopher kann endlich Freunde finden und seine Mutter die Angst vor ihrem Exfreund besiegen. Mill Grov ist winzig, es gibt nur zwei Straßen und ringsherum nur Wald, der Missionswald. Doch was so idyllisch wirkte, verändert sich schon sehr schnell. Auf einmal hört Christopher Stimmen, seine Legasthenie verschwindet und auf großes Glück folgt großes Leid. Da sind auf einmal Fantasiewelten, Freunde, die vor 50 Jahren lebten und die Mission die ganze Welt zu retten…

Was wir alle erwartet haben? Wahrscheinlich einen neuen Charlie, obwohl der Klappentext schon einen großen Genre- und Plotwechsel vermuten lässt. Was wir stattdessen kriegen? Einen Roman, der wirkt als hätte Chbosky sich Hilfe bei Stephen King geholt.
Chbosky weiß immer noch sehr gut zu schreiben und seinen Leser zu fesseln. Doch die Fans – wie ich – die mit Erinnerungen an sein früheres Werk in die Buchhandlungen stürmten, werden womöglich nach 200 Seiten die Welt nicht mehr verstehen. Es ist düster, es ist beklemmend und das ganzen 912 Seiten lang und das macht es schwer, das Buch zu bewerten.

Es ist eben sehr, sehr anders. Auf seine Weise schon irgendwie spannend, denn man lechzt sehr schnell nach einer (rationalen) Erklärung und auch nach Hoffnung für Christopher und ganz Mill Grove. Andererseits ist es aber vor allem sehr lang und zieht sich. Christophers Traum- und Fantasiephasen sind stellenweise unerträglich und hätten – gerade bei 912 Seiten – wirklich eingekürzt werden müssen, da sie keinesfalls zum Vorankommen der Geschichte zu tragen. Denn auch wenn die Menge der Seiten auf eine Menge an Inhalt schließen lässt, ist das keineswegs so. In manchen Kapiteln verliert man den Durchblick und verliert den Überblick der Charaktere, auch, ob es nun es die Realität oder Traumwelt ist.

Natürlich tue ich Chbosky stellenweise etwas unrecht, weil mir die Neutralität fehlt. Hätte ich das Buch ohne das Wissen des Autors gelesen – ich hätte mein Hand für Stephen King ins Feuer gelegt. Das spricht sicherlich für Chbosky als Autor im Genre Horror, aber nicht für den Autor, den man vielleicht erwartet hat. Natürlich war mir durchaus bewusst, dass  es anders werden wird, aber der Grat zwischen „Akzeptiere die Liebe, die du verdienst“ und „Ich hetze dunkle Wesen auf einen 7-Jährigen“ ist enorm und macht es schwer für mich. Horrorgeschichten sind mir nicht fremd, eben King und del Toro stehen noch einige Autoren in meinen Regalen. Trotzdem wäre es mir schwer gefallen, das Buch in seiner vollen Länge zu Ende zu lesen und zu mögen, wenn ich nicht den Autorenbonus gegeben hätte.

Am Ende ist es doch zu lang, zu schwer und zu skurril. Hätte nicht Chbosky drauf gestanden, hätte ich es womöglich abgebrochen. 300 Seiten weniger hätten dem Buch richtig, richtig gut getan. So, so schade – so drauf gefreut.

[Rezension] Liane Moriaty – Neun Fremde

Entspannen, zu sich finden, etwas Gewicht verlieren, ein Neustart – das alles klingt nach dem perfekten Wellnessurlaub. Wir alle hatten so einen schon mal oder haben über so etwas nachgedacht. Genauso wie die neun Personen, die sich für das neue Programm in dem entlegenen Resort Tranquillum House eingetragen haben. Keiner was, was sie erwartet, aber alle brauchen einen Wendepunkt in ihrem Leben. Sie sind überarbeitet, deprimiert oder haben Verluste erlitten und möchten nichts mehr als ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Doch statt in den zehn Tagen zur Ruhe zu kommen, durchleben die fünf Frauen und vier Männer das neu entwickelte Programm der Ressortleiterin. Wunden reißen auf und bald schon werden Grenzen überschritten, die keiner überschreiten wollte.

Was klingt wie ein durchschnittlicher Plot für einen Roman, lässt Liane Moriaty durch ihren Stil und ihre Erzählweise spannend und fesselnd werden. Durch die wechselnden Erzählweisen lernen wir die Charaktere schnell kennen und tauchen tief in ihre Geschichten ein. Den Hauptfiguren – die meines Erachtens Frances, Zoe, Napoleon, Jessica und Ben sind – wurden mit Liebe zum Detail erstellt. Bei den anderen erschien es stellenweise etwas oberflächlich, so dass sie eher wie Randfiguren wirkten, obwohl ihnen mit etwas mehr Details auch mehr Leben hätte eingehaucht werden können. Trotz allem hat Moriaty ein Talent die Geschichten am Ende auf spannende Weise miteinander zu verweben, so dass – zumindest bei mir – am Ende der Wunsch nach „Mehr“ blieb. Der Epilog hätte für mich noch etwas länger ein dürfen.

Die Geschichte selbst entwickelt sich dafür in eine nicht zwingend erwartbare Richtung. Wer Wellnessurlaub, Cocktails und ein bisschen Therapie erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Neue Therapieansätze und individuell zugeschnittenes Programm kriegen dank „Neun Fremde“ ganz neue Dimensionen. Am Anfang hätte jedoch etwas mehr Spannung gutgetan, da am Ende recht gebündelt viel Schlag auf Schlag passiert.

Doch trotz kleiner Makel ist „Neun Fremde“ ein wahrer Page-Turner. Schnell gelesen, spannend geschrieben und mit Charakteren, die einem ans Herz wachsen.

[Rezension] Samantha Downing – Meine wunderbare Frau

Eigentlich sind sie eine ganz normale Familie. Verheiratet, Haus, zwei Kinder – er Tennislehrer, sie Immobilienmaklerin. Die Kinder sind aus dem gröbsten heraus, eigentlich der Moment, wo man sich zu entspannen anfängt. Doch nicht bei Millicent und ihrem Ehemann. Sie haben ein ganz spezielles Hobby im Laufe der Zeit entwickelt.
Meine wunderbare Frau von Samantha Downing handelt von einem Ehepaar, dass in ihrer Freizeit Morde begeht. Was zunächst eine Kurzschlusshandlung und vor allem Notwehr war, entwickelt sich zu einer Leidenschaft, die Beide gleichermaßen teilten.
Das Buch setzt bei der Findung eines neuen Opfers ein. Raffiniert suchen die Beide nicht nur die perfekte Frau, sondern rufen einen alten Serienkiller zurück ins Leben, um von sich selbst abzulenken.

Was klingt wie ein ausgeklügelter Thriller, der mal aus einer anderen Perspektive geschrieben wird, ist am Ende aber viel mehr als das. Während man sich im Gefühl des völligen Wissens suhlt, nimmt im letzten Buch Downing eine so scharfe Rechtskurve, dass man als Leser nur verdutzt, aber völlig begeistert, durch die Seiten liest.
Downing schreibt wahnsinnig mitreißend, man ist sofort in der Geschichte drin und entwickelt sogar Sympathien für den Ehemann, obwohl er der Kopf des mörderischen Duos ist. Der Plot ist spannend, bietet genügend Irrungen und Wirrungen um den Leser ausreichend zu unterhalten, aber möglichst wenig zu verwirren. Das Ende ist aber noch mal das Sahnehäubchen, dass das Buch weitaus spannender macht und sich von ähnlichen Werken direkt abhebt.

Daher eine wahre Empfehlung, mit vielen Ausrufezeichen, weil es einer der besten Stand-Alones im Bereich Thriller 2019 ist. Spannende Stunden, Nervenkitzel pur und endlich mal wieder Überraschungen!

[Rezension] Andreas Gruber – Todesmal

Andreas Gruber ist – für mich ganz persönlich – der Lichtblick am deutschen Krimihimmel. Liegt ein Buch auf meinem Nachttisch und sein Name steht drauf, ist es immer ein Garant für gute Unterhaltung, spannende Geschichten und gut durchdachte Charaktere. Ist es dann auch noch ein Band aus der Sneijder-Reihe, dann sind die fünf Sterne eigentlich auch schon vorprogrammiert.

Streichen wir das eigentlich. Sie sind es. Genauso auch wieder in Todesmal, dem neusten Werk mit unserem Lieblingsermittler Maarten S. Sneijder. Diesmal holt eine geheimnisvolle Nonne, die ankündigt in den nächsten sieben Tagen sieben Morde zu begehen, Sneijder aus seiner Kündigung, denn sie explizit den niederländischen Ermittler sprechen. Noch während sie in Untersuchungshaft sitzt und man ihr zunächst wenig Glauben schenkt, sterben nach und nach – wie angekündigt – verschiedenste Personen. Für Sneijder und Nemez tun sich immer mehr Fragen auf? Wer ist die Nonne? Wenn sie hier sitzt, wer tötet dann? Und wie viele Personen stecken hinter dem Plan? Doch umso mehr Rätsel sie lösen, umso näher sie den Tätern kommen, umso mehr schaurige Tatsachen, vertuschte Grausamkeiten werden aufgedeckt und irgendwann verschwindet für alle Beteiligten die Grenze zwischen Gut und Böse.

Auch wenn es nicht anders zu erwarten war: Es war ein unglaublich gutes Buch mit einer spannenden und nicht vorhersehbaren Geschichte. Gruber zeigt wieder auf allen Ebenen was er kann, so dass beim Zuklappen des Buches schon die Sehnsucht nach dem nächsten Werk einsetzt. Richtig gute Storyline, aber auch die schon bekannten Charaktere kriegen genug Raum zur Weiterentwicklung. Ohne noch mehr zu erzählen: Lest es einfach und wenn ihr die Reihe noch nicht kennt: besorgt euch direkt alle fünf Bände!

 

5/5