[Rezension] Jodi Picoult Der Funke des Lebens

Jodi Picoult steht vor allem für eins: ein Garant für gute Bücher und tiefe Themen. Jeder Roman aus ihrer Feder ist tiefgreifend, thematisch gut aufgebreitet und vor allem eins – spannend.

Nicht anders ist bei „Der Funke des Lebens“, wo Picoult den Leser direkt ins Geschehen wirft. Geiseldrama in einer Abtreibungsklinik. Spannendes Setting, wichtiges Thema. Als besonderen Kniff hat Picoult diesmal eine andere Art der Erzählung gewählt. Die Geschichte erzählt gerade einmal von einem Tag, doch hier gibt es viel zu berichten. Außerdem schreibt Picoult diesmal rückwärts. Zu Beginn befinden wir uns mitten drin: Verhandlungen mit dem Geiselnehmer, Opfer, die noch mitten im Geschehen sind, welche die schon freigelassen wurden. Eine klare Trennung von drinnen und draußen. Doch schon im nächsten Kapitel springt Picoult mit ihrem Leser eine Stunde zurück und fügt so gekonnt Puzzleteilchen zu Puzzleteilchen zusammen.
Natürlich weiß man so schon sehr genau, was passieren wird, aber gekonnt wie immer schafft Jodi Picoult die Geschichte trotz allem spannend zu erzählen. Denn vielmehr geht es hier um das „Wieso“ und die Beweggründe sowie die Sensibilisierung für das Thema Abtreibung.

Denn wie gewohnt switcht Picoult zwischen den Charakteren und nimmt immer wieder die Perspektive des Arztes, des Geiselnehmers, der Opfer und des Polizisten ein, aber auch die Positionen von Befürwortern, Mitarbeitern, Betroffenen und Abtreibungsgegnern. Obwohl es ein sehr sensibles Thema ist, schafft Picoult es sehr realistisch alle Seiten zu beleuchten und ihren Charakteren Platz einzuräumen.

Allerdings konnten diese in „Der Funke des Lebens“ nicht so stark überzeugen wie es in anderen ihrer Werke der Fall war. Es ist nicht ganz klar, woran es am Ende wirklich gefehlt hat, jedoch war es streckenweise extremst schwer die Charaktere auseinander zu halten, obwohl Picoult bestens darin geübt ist, zwischen diversen Charakteren zu wechseln und diese zu präsentieren. Am Ende ist es ein gutes Buch mit einem wichtigen Thema, das in der Vollendung jedoch nicht ganz rund ist und wohl auch nicht ihr bestes Werk ist.

[Rezension] Maja Lunde – Als Die Welt Stehen Blieb

Wo warst Du als Du erfahren hast, dass Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers geflogen sind? Erinnerst Du dich an das Gefühl als Deutschland Weltmeister wurde? Oder wo du die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen erfahren hast? Meistens können wir uns noch ganz genau an solche Momente und das Gefühl oder sogar den Ort, an dem man gerade war, erinnern.

Ähnlich ist es auch bei dem Beginn der Corona-Pandemie. Anfang 2020 erschien dieser Virus so weit entfernt, etwas, das pausenlos durch die Medien ging, aber durch die räumliche Entfernung Lichtjahre entfernt schien. Bis auf einmal auch in Europa die ersten Fälle auftraten. Auch an diese erste Zeit können sich ganz viele noch ganz genau erinnern. Von „nur eine Grippe“, mehr Händewaschen und bald ist es vorbei bis zum Shutdown, vermehrtem Home-Office und dem einschränken der Kontakte.

Von genau dieser Zeit erzählt Maja Lunde in ihrem neusten Buch „Als Die Welt stehen blieb“. Eigentlich kennen wir Lunde von ihrer Trilogie, die mit „Die Geschichte der Bienen“ begann. Doch hier liegt auf einmal kein Roman mehr vor uns, keine verwobene Story. Vielmehr erzählt Lunde in ihrem Werk von den Anfängen der Pandemie und die Protagonistin ist die selbst. Denn sie erzählt von ihren eigenen Eindrücken, ihren Gefühlen und wie ihre Familie sich durch diese Zeit gebracht hat.

„Als die Welt stehen blieb“ ist daher viel mehr ein Tagebuch, in dem Lunde ihre Eindrücke, Unsicherheiten und Gedanken zusammenfasst und recht ungefiltert wiedergibt. Es ist nicht sonderlich literarisch, eher ein Sammelsurium an Gedanken, die wir alle auf die ein oder andere Weise durchgemacht haben. Die beginnende Sorge, der Online-Konsum, das Einschränken der eigenen Welt auf die eigenen vier Wände. Jedoch ist das Buch nicht wirklich strukturiert, erzählt keine wirkliche Rahmengeschichte und ist recht ungefiltert. Zeitgleich befinden wir uns immer noch mitten in der Pandemie, so dass mir persönlich das Buch zu einer völlig unpassenden Zeit erscheint. Für mich ist es einfach nicht die Zeit zurückzublicken und zu sagen „Ja, genauso!“, weil wir noch mitten drin sind und für mich noch nicht die nötige Distanz da ist.

Außerdem kennen wir alle Lundes Schreibstil und haben unter Umständen die Bücher von ihr alle verschlungen. Von diesem Talent lässt sich hier – wahrscheinlich durch den tagebuchlastigen Style, nicht viel erkennen. Trotz allem kann man das Buch auf Grund der kurzen, nicht sehr tiefgehenden Abschnitte sehr schnell lesen. Wer also eine „aktuelle“, sehr kurzweilige Lektüre haben möchte, der wird mit „Als die Welt stehen blieb“ sicherlich gut bedient.

[Rezension] happy at home – Raum für Raum zum perfekt organisierten Zuhause

»The Home Edit« dürfte dem einen oder anderen schon durch Netflix bekannt sein. Clea Shearer und Joanna Teplin haben dort schon gezeigt wie strukturiert und einfach aufräumen sein kann, ohne dabei ein riesiges Ritual – wie bei bei anderen Aufräumgurus – zu machen. So haben die beiden auch schon Reese Witherspoons Kleiderschrank geordnet und haben mir bei meinem Schmuck-Chaos geholfen.

Umso mehr habe ich mich gefreut, dass es nebst der Serie, nun auch ein Buch dazu draußen ist und Tipps zu Ordnung und Organisation gibt. Denn ganz ehrlich – ordentlich ist es eigentlich immer bei mir, aber organisiert ist es ganz selten. Viel zu oft verliere ich mich in wilden Aufräumaktionen, weil ich immer wieder merke: viele Dinge haben keinen Platz. Dabei ist das die halbe Miete. Übersichtlichen Boxen, einheitlichen Etiketten und ein eigenes System – klingt so einfach, aber genau das sind die Schlüssel um die Wohnung und das Haus systematisch sauber zu halten.

Und daher hat sich Happy at home für mich auch wesentlich besser durchgesetzt als als die anderen Aufräumbücher, die es sonst so gibt. Hier geht’s nicht zwingend um das Trennen von Dingen ,sondern um das Ordnen und die Vorteile, die sich daraus ergeben. Hat alles einen Platz, kann schneller aufgeräumt werden. Hat alles ein System, lassen Dinge schneller zu ordnen und verräumen. Absolut praktisch. So simpel es auch klingt und auch wenn man schnell glaubt, dass damit nicht das Rad neu erfunden wurde, so wenig habe ich mich selbst je dran gehalten.

Nach der Serie und nach dem Durchforsten dieses Buches habe ich also Folgendes getan: Sortiert. Ich habe Küchenschränke ausgeräumt und wieder eingeräumt. Unwichtiges ist dabei rausgeflogen, anderes wurde wieder verstaut, aber mit einem System. Dinge befinden sich jetzt an logischeren Orten. Beispielsweise steht der Kaffee, die Filter und jegliches Zubehör endlich unterhalb der Kaffeemaschine. Lässt sich einfacher verräumen, spart aber sogar morgens seine Zeit. Wie gesagt: klingt alles logisch, umgesetzt ist es aber ein ganz wahnsinnig tolles Gefühl. Man schafft Ordnung und kriegt am Ende sogar noch ein Zeitersparnis.

[Rezension] Andreas Gruber – Die Knochennadel

Wir alle wissen: Ich bin ein riesen Andreas Gruber-Fan. Deutsche Autoren sind zwar nicht wirklich meins, aber Gruber konnte mich mit jedem einzelnen Band seiner Sneijder-Reihe überzeugen und auch die Fälle von Pulaski können auch überzeugen. Daher war es keine Überraschung, dass ich mir irgendwann die drei Krimis zum Ermittler Peter Hogart zu legte.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass die ersten zwei Bände schon sehr alt sind und noch vor den anderen Reihen entstanden sind, aber alles, was man mit Gruber in Verbindung bringt, ist in „Die schwarze Dame“ und „Die Engelsmühle“ vergeben und vergessen bzw. noch nicht gekonnt. Die Bücher sind mühselig, Peter Hogart nicht sympathisch und grundlegend mag kein wirklicher Lesefluß einsetzen.

„Die Knochennadel“, der dritte Band der Reihe, reißt es aber etwas heraus, denn den Ermittler Peter Hogart führt es nach Paris. Eigentlich nur privat, doch ehe er es sich versieht, verschwindet seine Partnerin nach einer Auktion, die sie selbst betreut hat. Aber nicht nur das – im Gepäck scheint sie die Knochennadel, die zu einem horrenden Preis versteigert wurde, zu haben. Auf einmal befindet er sich nicht mehr im Touristenhimmel, sondern setzt Himmel und Hölle in Bewegung um die Kunstszene Paris‘ nach dem Artefakt, aber auch nach seiner Freundin abzusuchen. Denn dass diese wirklich etwas mit dem Fall zu tun hat, mag er einfach nicht glauben.

Und zwischen den Seiten rund um die Pariser Kunstszene blitzt wieder der Gruber durch, den wir kennen. Der Schreibstil und die Erzählweise gleichen mehr dem, was wir als Leser erwarten. Leider ist die Geschichte trotz zu vorhersehbar und die vermeintlichen Twists kommen absolut unüberraschend. Auch Peter Hogart bleibt weiterhin sehr blass, obwohl es nun schon der dritte Band ist, der ihn als Hauptfigur enthält. Leider ist mir auch nach diesem Buch noch nicht genau klar, was Peter Hogart wirklich darstellen soll. Er ist kein richtiger Ermittler, er ist kein richtiger Held, aber er ist auch nicht der Bösewicht oder der Antiheld – alles in allem ist er einfach nur blass.

Am Ende klingt die Rezension kritischer als ich den dritten Band wirklich empfunden habe, jedoch ist der Rückblick über alle drei Bücher einfach enttäuschend. Ich würde eingefleischten Gruber-Fans raten: Lest die Reihe nicht oder nur diesen Teil. Die beiden Teile davor sind weder literarisch ein Muss, noch dürfte der Band an Logik verlieren, wenn man die Teile nicht zuvor gelesen hat. Für gelegentliche Krimi-Leser: Leichte Lektüre! Lest nur diesen Teil und ihr seid für ein paar Tage gut unterhalten. Es wird aber keine krassen Entwicklungen und Wendepunkte geben.

[Rezension] Camille Läckberg – Wings of Silver

Rache, Angst und Wut – das sind gute Gründe, die einen Anspornen seine Ziele zu erreichen. Alle drei zusammen haben Faye zu der Geschäftsfrau gemacht, die sie jetzt ist. Nach dem absoluten Tiefpunkt in ihrem Leben, in dem sie ihr Selbstwertgefühl zu einem großen Teil aufgegeben hatte, ist Faye fast dort, wo sie sein wollte. Sie hat ein florierendes Unternehmen aufgebaut und das alles vor allem nur, um ihren Exmann zu zeigen, was in ihr steckt. Dieser sitzt mittlerweile für seine Taten im Gefängnis, dank Faye. Doch nun, wo sie sich langsam wieder sicherer fühlt, holt sie die Vergangenheit wieder ein. Denn auf einmal konnte der Mann flüchten und irgendwer scheint ihr Unternehmen übernehmen zu wollen. So muss Faye wieder Grenzen überschreiten, so wie sie es eigentlich nicht mehr tun wollte. 

Schon in „Golden Cage“, dem ersten Roman der Reihe, musste Faye sich ihr Leben und ihre Zukunft erkämpfen. Nun, mit „Wings of Silver“, schickt Camille Läckberg Faye wieder in den Kampf. Als das Buch auf der Erscheinungsliste erschien, hatte ich direkt gemischte Gefühle. Einerseits war das Buch so gut, dass ich mich über einen neuen Teil wirklich gefreut habe, andererseits bin ich oft der Meinung, dass ein gutes Buch auch mal alleine für sich stehen kann. 

Am Ende überzeugt mich Wings of Silver vor allem, weil Camille Läckberg es geschrieben hat und sie eben weiß, wie man eine Geschichte erzählt. Das alleine macht das Buch auf jeden Fall lesenswert. Jedoch ist es leider genauso wie befürchtet: hätte das Buch wirklich sein müssen? Die Antwort ist Nein. Während im ersten Teil Fayes Geschichte überzeugend und passend erschien, ist die Flucht von Jack und die Übernahme des Geschäfts doch ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Während die erste Geschichte noch Faye als die starke und über sich heraus wachsende Frau zeigte, wurde sie in Band 2 fast zu perfekt. „Alles im Griff“ und über den Dingen, was ihr leider an noch mehr Sympathie an sich nahm. 

Trotz allem ist Wings Of Silver für die Fans von Golden Cage ein gutes und spannendes Buch, das jedoch nicht zwingend hätte geschrieben werden müssen. Leider sagt mir der letzte Absatz auch, dass wir mit ziemlicher Sicherheit einen dritten Band kriegen werden. Manchmal ist eben weniger mehr. 

Das Buch wurde mir als Leseexemplar zur Verfügung gestellt.

[Rezension] Tess Gerritsen – Das Schattenhaus

Tess Gerritsen und ich – eine Liebesgeschichte seit ich die ersten Seiten von „Der Chirug“ gelesen habe. Damit begann eine großartige Reihe, die ich immer sofort nach Erscheinungstermin förmlich verschlungen habe. Umso größer war die Freude als „Das Schattenhaus“ bei mir einzog.

Jedoch ist der neue Roman von Gerritsen Vieles, aber nichts, was wirklich an das, was sie eigentlich kann, anknüpfen kann. Worum es geht? Eine Schriftstellerin zieht – um vor sich selbst und der Welt zu flüchten, in ein Haus weit entfernt von ihrer Heimatstadt. Der Plan? Ihr neues Kochbuch finalisieren und abschalten, doch schon in den ersten Nächten nimmt sie Übersinnliches war. Das Haus gehörte früher einem Kapitän und noch heute kann sie den Geruch von Meer riechen. Jetzt stellt sich nur noch die Frage, ob es wirklich Geister gibt und ob das, was sie da wahrnimmt, etwas Böses ist.

Was zwar nicht völlig nach Gerritsen, aber trotz allem nach einer spannenden Geschichte klingt, ist es leider nicht. Das Schattenhaus ist zwar leicht und simpel geschrieben, so dass man es gut und zügig lesen kann, doch die Charaktere haben keinerlei Tiefe, so dass man kaum eine Bindung aufbauen kann. Der Plot ist leider eine Mischung aus einer Geistergeschichte mit Einschlägen von 50 shades of grey. Ich hatte also viel erwartet, aber nicht das. Dieser Ganze sexualisierte Geisterkram ist anstrengend zu lesen und verfehlt bei mir leider völlig die Wirkung. Wenn ich Chick-Lit möchte, dann bediene ich mich an den gängigen Autoren. Gleiches gilt für das Verlangen nach einem Thriller.

Das Ende reißt es jedoch noch etwas raus, da der Kniff am Ende zumindest noch die schon fast verborgenen Talente von Tess Gerritsen aufweist.

[Rezension] Sebastian Stuertz – Das eiserne Herz des Charlie Berg

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Charlie Berg ~ ein Name, so charismatisch, so vielversprechend. Der Sohn zweier Künstler, mit einem schwachen Herz, aber einer feinen Nase. Als er sich endlich entschließt das familiäre Heim zu verlassen, um nicht mehr das Familienbindemittel und der rettende Anker seiner Eltern zu sein, geht doch alles schief.  Auf einmal stirbt sein Opa bei der Jagd und seine Brieffreundin, mit der er sich schon ewig Kassetten umherschickt, brennt mit einem anderen durch.

Was nach einem typischen Coming-Of-Age-Roman klingt, ist dabei nicht halb so „leicht“ wie man es erwarten würde, sondern kommt mit schweren Wörtern, langen Sätzen und einer kühlen Stimmung daher. Irgendwie hat Sebastian Stuertz aus seinem Charlie Berg alles gemacht: Jugendbuch, Krimi, Komödie und dadurch ist dieses Buch vor allem: viel. Viel von allem. Viele Worte, viele Sätze, viel Erzähltes, viel Geschichte, aber – auch, wenn die Kritiken das Buch mit Alice im Wunderland vergleichen und es fesselnd, speziell und packend titulieren – fehlt mir persönlich der Faden, an dem ich mich entlang hangeln konnte.

Das Buch wirkt stellenweise extrem laut, weil es teilweise derbe Witze und ein schwarzer Humor mixt. Dabei sind die Stellen, die eher ruhig, bedächtig sind, die die das Buch lesenswert machen. Aber es sind daher 700 lange Seiten, die nicht in gleichmäßiger Qualität bleiben und den Lesefluss immer wieder stoppen.

Mich hat das Lesen fast 3,5 Monate gekostet, aber am Ende sind Charlie Berg und ich leider keine Freunde geworden.

 

 

[Rezension] Dolores Redondo – Alles, was ich dir geben will

Der Verlust des Partners, was für jeden eine der schlimmsten Vorstellungen ist, wird für den Schriftsteller Manuel Ortigosa zur Realität. Sein Mann ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, doch dieser schien nicht wie vermutet auf Geschäftsreise gewesen zu sein. Sofort macht sich Manuel auf den Weg nach Galicien, wo Alvaro nicht nur geheimerweise das Wochenende verbracht, sondern auch ein zweites Leben geführt zu haben schien.
Doppelleben, Familiengeheimnisse und verschleierte Morde – wie viel kann man in der Trauer verarbeiten, wie viel kann ein Mensch sich auflasten? Während Manuel immer mehr in die Vergangenheit seines Partners und dessen Familie eintaucht, kommt er immer mehr Geheimnissen auf die Spur und führt eigene Ermittlungen mit einem betagten Polizisten, der nicht so recht an einen Unfall glauben mag.

Und schon ist man mitten drin in Alles was ich dir geben will. Ohne Erwartungen gestartet und nachdem die erste – doch etwas in die Längen geratene – Einleitung überstanden ist, nimmt der Roman wirklich Fahrt auf. Plötzlich ist man mitten drin in Familiendramen, Italiens Geschichte und einem Kriminalfall, der eigentlich doch ein Unfall gewesen sein sollte.
Doch nicht nur die Geschichte macht den Roman auch, sondern auch Dolores Schreibstil. Sprachlich präsentiert sich Alles was ich geben will auf einem hohen Niveau und macht aus einem gutem Buch, ein Besonderes. Die Charaktere sind wohl durchdacht und je Seite wird Manuel aber auch der schon tote Alvaro greifbarer und sympathischer.

Jedoch hat das Buch stellenweise seine Längen. Insbesondere – wie schon erwähnt – hat der Beginn eine Längen und kann als erster Stolperstein eine Hürde darstellen. Danach wird es zwar spannender als auch packender, jedoch verliert sich Dolores zwischendurch immer wieder in längeren Beschreibungen, die weder die Geschichte voran bringen noch fesselnd sind. Trotz allem weiß Alles was ich dir geben will zu überzeugen und zeichnet sich sowohl durch die Charakterwahl als auch das Storysetting deutlich aus.

Wer also Lust auf einen dicken spannenden und fesselnden Schmöcker hat, der wird mit Alles was ich dir geben will keinen Fehler machen.

[Rezension] Maja Lunde – Die Letzten Ihrer Art

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Maja Lunde. Ein Name, der allen mittlerweile bekannt sein dürfte. Von ihr stammen die Bücher Die Geschichte der Bienen und Die Geschichte des Wassers und nun liegt hier Die Letzten Ihrer Art, ihr neuster Roman. Titel und Layout unterscheiden sich erstmalig von dem gewohnten Stil der ersten beiden Romane, aber inhaltlich orientiert sich Lunde ganz wie gewohnt an Altbewährtem.

Die norwegische Autorin erzählt vom Ende der Welt. Wir befinden uns im Jahr 2064 und die Klimakrise ist so akut wie noch nie. Ein Leben wie wir es kennen, das gibt es nicht mehr. Die Menschen sind verdurstet, Staaten sind aufgehoben und die Protagonisten – drei Frauen und ein männliches Baby – geben ihren Hof auf, um Nomaden zu werden. Alles für die Suche nach Essen und Trinken, nach Verwertbaren und Nährstoffen. Der Klimawandel hat zugeschlagen und zwar im riesigen Ausmaße.

…und irgendwie ist Lundes Roman ein bisschen wie ein heimliches Beobachten, ein stilles Vorpieken in die Zukunft, die uns blühen kann, wenn wir alles rund um den Klimawandel weiterhin ignorieren. Doch andererseits ist es eben auch überdramatisiert, eben das womit Lunde gerne spielt. Wir gehen zurück zum Ausgangspunkt – alles steht auf null. Die Menschheit hat versagt und die Natur beginnt von vorn. Keine Elektrizität, wenig Nahrung – der Resetknopf wurde gedrückt.

Und irgendwie ist genauso der dritte Roman: Eine Mischung aus angeregtem, interessiertem Voyeurismus und einer leichten Überdramatisierung, die das Lesen an einigen Stellen stagnieren lässt. Vielleicht ist es aber auch das übergreifende Thema: Wildpferde. Ich war nie das Pferdemädchen und konnte vielleicht deswegen nur schwerlich in den Roman einsteigen. Aber, was mich noch so an Der Geschichte der Bienen und des Wassers begeistert hat, fühlte sich im dritten Roman fast beschwerlich an. Fand ich in den ersten Büchern noch die ausführlichen Erzählungen spannend und gerechtfertigt, fühlten sich viele Stellen in Die Letzten Ihrer Art zu zäh und zu viel an.

Lunde kann immer noch gut schreiben und auch die Geschichte, mit den Erzählsträngen in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, war gut durchdacht, doch vielleicht waren einfach die Erwartungen stellenweise zu hoch. Immer noch ein gutes Buch, das mich leider doch am Ende nicht so bekommen hat, wie ich es aus den Werken davor noch kannte.

 

[Rezension] Stephen Chbosky – Der unsichtbare Freund

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Nach Vielleicht lieber morgen, DEM Roman meiner Jugend, steht endlich wieder ein Chbosky in den Buchhandlungen und nichts wirklich nichts hätte mich davon abhalten können diesen sofort zu lesen.

Doch diesmal geht es nicht um Teenagerprobleme, sondern um die einer ganz anderen Art. In Der unsichtbare Freund geht um Christopher, unterdurchschnittlich begabt und ein Außenseiter, was an den vielen Umzügen liegen könnte. Erst das kleine Dorf Mill Grov regt zum Bleiben an und der 7-Jährige Christopher kann endlich Freunde finden und seine Mutter die Angst vor ihrem Exfreund besiegen. Mill Grov ist winzig, es gibt nur zwei Straßen und ringsherum nur Wald, der Missionswald. Doch was so idyllisch wirkte, verändert sich schon sehr schnell. Auf einmal hört Christopher Stimmen, seine Legasthenie verschwindet und auf großes Glück folgt großes Leid. Da sind auf einmal Fantasiewelten, Freunde, die vor 50 Jahren lebten und die Mission die ganze Welt zu retten…

Was wir alle erwartet haben? Wahrscheinlich einen neuen Charlie, obwohl der Klappentext schon einen großen Genre- und Plotwechsel vermuten lässt. Was wir stattdessen kriegen? Einen Roman, der wirkt als hätte Chbosky sich Hilfe bei Stephen King geholt.
Chbosky weiß immer noch sehr gut zu schreiben und seinen Leser zu fesseln. Doch die Fans – wie ich – die mit Erinnerungen an sein früheres Werk in die Buchhandlungen stürmten, werden womöglich nach 200 Seiten die Welt nicht mehr verstehen. Es ist düster, es ist beklemmend und das ganzen 912 Seiten lang und das macht es schwer, das Buch zu bewerten.

Es ist eben sehr, sehr anders. Auf seine Weise schon irgendwie spannend, denn man lechzt sehr schnell nach einer (rationalen) Erklärung und auch nach Hoffnung für Christopher und ganz Mill Grove. Andererseits ist es aber vor allem sehr lang und zieht sich. Christophers Traum- und Fantasiephasen sind stellenweise unerträglich und hätten – gerade bei 912 Seiten – wirklich eingekürzt werden müssen, da sie keinesfalls zum Vorankommen der Geschichte zu tragen. Denn auch wenn die Menge der Seiten auf eine Menge an Inhalt schließen lässt, ist das keineswegs so. In manchen Kapiteln verliert man den Durchblick und verliert den Überblick der Charaktere, auch, ob es nun es die Realität oder Traumwelt ist.

Natürlich tue ich Chbosky stellenweise etwas unrecht, weil mir die Neutralität fehlt. Hätte ich das Buch ohne das Wissen des Autors gelesen – ich hätte mein Hand für Stephen King ins Feuer gelegt. Das spricht sicherlich für Chbosky als Autor im Genre Horror, aber nicht für den Autor, den man vielleicht erwartet hat. Natürlich war mir durchaus bewusst, dass  es anders werden wird, aber der Grat zwischen „Akzeptiere die Liebe, die du verdienst“ und „Ich hetze dunkle Wesen auf einen 7-Jährigen“ ist enorm und macht es schwer für mich. Horrorgeschichten sind mir nicht fremd, eben King und del Toro stehen noch einige Autoren in meinen Regalen. Trotzdem wäre es mir schwer gefallen, das Buch in seiner vollen Länge zu Ende zu lesen und zu mögen, wenn ich nicht den Autorenbonus gegeben hätte.

Am Ende ist es doch zu lang, zu schwer und zu skurril. Hätte nicht Chbosky drauf gestanden, hätte ich es womöglich abgebrochen. 300 Seiten weniger hätten dem Buch richtig, richtig gut getan. So, so schade – so drauf gefreut.